WALD

In einem Wald,

der noch nicht von Menschenhand berührt wurde, sieht unser Verstand überall nur Unordnung und Chaos. Er kann nicht einmal mehr zwischen lebendig (gut) und tot (schlecht) unterscheiden, da überall aus verrottender und zerfallener Materie neues Leben entsteht.

Nur wenn der Lärm des Denkens abebbt und sich genügend Stille in uns ausbreitet, erkennen wir, dass eine verborgene Harmonie da ist, eine Heiligkeit, eine höhere Ordnung, in der alles seinen perfekten Platz hat und gar nicht anders sein könnte, als es ist.

Der Verstand ist lieber in einem Park, weil dessen Anlage mit dem Verstand geplant wurde; er ist nicht organisch gewachsen. Ihm liegt vielmehr eine Ordnung zugrunde, die der Verstand erfassen kann.

Im Wald herrscht eine unverständliche Ordnung, die für den Verstand wie ein Chaos aussieht. Sie geht über Kategorien wie gut und schlecht hinaus. Durch Denken kannst du sie nicht begreifen, aber wenn du vom Denken ablässt, ganz still und wach bist und nicht versuchst, sie zu verstehen oder zu erklären, kannst du sie spüren.

Nur dann erschließt sich dir die Heiligkeit des Waldes. Sobald du diese Heiligkeit, die verborgene Harmonie wahrnimmst, wird dir klar, dass du nicht davon getrennt bist, und wenn dir das klar geworden ist, nimmst du bewusst daran teil. Auf diese Weise kann dir die Natur helfen, dich wieder in die Ganzheit des Lebens einzufügen.

Eckhard Tolle, Eine neue Erde

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